DER FUSSGÄNGER

Walter Siegfried

 

oder

"Über das Spannungsfeld zwischen Tanzen und Getanztwerden"

 

 

Im städtischen Raum, dort wo er etwas dichter wird, zeigt sich, ob die Planer dieser Zone ein Gefühl für Fußgänger hatten oder nicht. Es gibt Plätze, auf denen sich viele Menschen ohne Kollisionen bewegen - oft auch bei hohem Tempo; und andere über die man vor lauter "T'schuldigung!" und "Hoppla!"s kaum rüber kommt. Man kann dabei nicht nur die Planer verantwortlich machen, aber wer einen Anzeigenmonitor so aufhängen lässt, dass diejenigen, die die Information lesen wollen, genau in der engsten Passage des Raumes stehen bleiben müssen, beweist wenig Sensibilität. Und wer Trambahn-Häuschen entwickeln lässt und dann auch hundertfach aufstellt, die die Passanten bei Regenwetter auf einen Umweg über die Schienen zwingt, wenn sie nicht vom gesammelten Wasser des Daches grosszügig geduscht werden wollen, beweist auch nicht gerade hohe Kompetenz in Fragen der menschlichen Bewegung im öffentlichen Raum. Mehr Aufmerksamkeit für den Fußgänger kann nicht schaden.

 

Bevor wir aber mit Goethe weiterhin die Konstrukteure anklagen - der Dichter bemängelte die Unsensibilität für kinästhetische Phänomene, die Architekten würden Räume für die Augen bauen anstatt für die Bewegung - wenden wir uns besser mit Schiller den Bewegungen selbst zu. Schiller, mit seinem theoretischen Interesse an Spiel und Tanz, entwickelt seine Fragen nach dem Schönen immer wieder an Bewegungsanalysen. Damit begründet er eine Theorie der ästhetischen Verhaltensweise. Er fragt nicht nur nach der Schönheit in Objekten sondern sucht ihre Qualität auch im Tun. Gibt es so etwas wie 'Schönheit des Umgangs' - und was zeichnet sie aus?

 

"Ich weiß für das Ideal des schönen Umgangs kein passenderes Bild als einen gut getanzten und aus vielen verwickelten Touren komponierten englischen Tanz ... Alles ist so geordnet, dass der eine schon Platz gemacht hat, wenn der andere kommt, alles fügt sich so geschickt und doch wieder so kunstlos ineinander, dass jeder nur seinem eigenen Kopf zu folgen scheint und doch nie dem andern in den Weg tritt. Es ist das treffendste Sinnbild der behaupteten eigenen Freiheit und der geschonten Freiheit des andern."

 

Das Zitat aus den Kallias-Briefen (1793) zeigt, dass Schiller den schönen Umgang sozial definiert. Das Schöne an der Bewegung wird nicht an individuellen Abläufen abgelesen - wie etwa bei den klassischen Analysen vom Diskuswerfer (Höhepunkt der versammelten Kraft im Bewegungsablauf des einzelnen Sportlers) oder vom Dornauszieher (Anmut der individuellen Bewegung, Kleist, Marionettentheater).

 

Bei Schiller wird die Schönheit der Bewegung als eine bestimmte Art und Weise des Umgangs mit den anderen beschrieben. Dabei wird von den Handelnden eine zweifache Ausrichtung der Wahrnehmung gefordert, nämlich einerseits in Richtung der eigenen Bewegungsimpulse und gleichzeitig auch in Richtung auf die Bewegungsintentionen der Mitmenschen. Denn um nichts anderes geht es, wenn die Tanzenden sowohl dem eigenen Kopf, als auch den sich ankündigenden Bewegungen der Mittanzenden folgen wollen. Es wird eine doppelte Wahrnehmung gefordert, eine nach innen, um die eigenen Wünsche zu wissen - und eine nach außen, um die Bewegungs-Pläne der anderen zu erahnen.

 

Nun handelt sich es beim Englischen Tanz um ein ausgemachtes Regelsystem und so kann man die dort vollzogenen Bewegungen nicht gleichsetzen mit jenen von  Passanten im Alltagsgeschehen. Letztere wollen nicht spielen oder gar tanzen sondern einfach von A nach B gehen. Der entscheidende Unterschied zwischen Tanzen und Gehen ist die unterschiedliche Ausrichtung der Aufmerksamkeit bei den beiden Tätigkeiten. Im Tanzen ist man auf die Bewegung selbst konzentriert, im Gehen dagegen vergisst man die Bewegung zu Gunsten der jeweiligen Ziele. Das Konzentriertsein auf die Bewegung selbst kann man wunderbar an kleinen Kindern beobachten, etwa wenn sie anfangen aufrecht zu gehen. Alles ist fokussiert darauf, den labilen neuen Zustand des aufrecht Stehens zu erhalten und wenn die Aufmerksamkeit nach außen geht, etwa weil eine Taube vorbei trippelt, droht das fragile Gleichgewicht zu kollabieren. Auch bei älteren Menschen kann man das Versammeln der Achtsamkeit auf die Bewegung beobachten. Hier sind es die Erfahrungen eines ganzen Lebens, gepaart mit altersbedingten Einschränkungen, die zu ganz ökonomischen, abgezirkelten Bewegungsabläufen führen können. An beiden Gruppen können wir das intensive Spüren der eigenen Bewegung ablesen. Wahrnehmung der eigenen Bewegung - das war die erste Qualität des Tanzens.

 

Als zweite Qualität hatten wir das Wissen um die Bewegungsspur der Mittanzenden erwähnt. Eine komplexe Angelegenheit. Aus den Spielregeln des jeweiligen Tanzes weiss man - mehr oder weniger sicher -, wohin die anderen sich bewegen werden. Gekoppelt mit den Informationen aus der wahrgenommenen aktuellen Bewegung steuert man dann seine eigene Motorik so, dass das gewünschte Zusammentreffen oder das aneinander vorbei Gleiten millimetergenau vollzogen werden kann. Eine grosse senso-motorische Rechnerleistung, die zum grössten Teil ohne unser Bewusstsein abläuft. Im Tanzen spüren wir die Effekte dieser Leistung. Wir freuen uns an der dabei entstehenden zwischenmenschlichen Dynamik von Annäherung und Distanz, von Berührung und Loslassen, von Zuwendung und Abwendung.  

 

Es geht im Text von Schiller um ein 'Ideal', um ein 'Sinnbild', jenseits der real existierenden Verhältnisse. Man kann, in Handlungsabläufe eingebettet, nicht zugleich tanzen. Aber man kann sehr wohl aus Handlungsabläufen aussteigen, etwa wenn man vom Ampelrot zu einem Innehalten aufgefordert wird. Man kann - als Fußgänger - sich selbst sowie die Menschen neben sich spüren und kann jene auf der gegenüberliegenden Straßenseite anschauen. Wenn dann der städtische Tanzmeister mit dem 'Grün' zur Bewegung auffordert kann man diesen Impuls mit den Mittanzenden genießen und beim Zusammentreffen in der Mitte der Strasse mit einer minimalen Referenz oder einer kleinen Pirouette dem Gegenüber ankündigen 'ich habe dich wahrgenommen, ich zeige mich dir - ich grüsse dich und lasse dich'. Man beginnt Stadt zu tanzen. Man erkennt die Musik und den dahinter stehenden Tanzmeister. Und in dem Augenblick, in dem man erkennt, was einen bewegt, kann man auch entscheiden, ob man nach der Pfeife tanzen will oder nicht. Man kann – wenn die Ampel grün wird - auch einfach stehen bleiben und zeigen: Kein Mensch muss müssen.

 

 

"Das erste Gesetz des guten Tones ist: Schone fremde Freiheit. Das zweite: Zeige selbst Freiheit. Die pünktliche Erfüllung beider ist ein unendlich schweres Problem, aber der gute Ton fordert sie unerläßlich, und sie macht allein den vollendeten Weltmann."

 

Friedrich Schiller: Kallias oder über Schönheit 1793

 

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