Cantor-Armarius

 

Wenn es den Klöstern schlecht ging, mussten sie Personal sparen. Die Funktionen des für die Musik Zuständigen und jene des Bibliothekars mussten dann kurzfristig von einer Person erledigt werden: dem Cantor-Armarius.

 

Ich entdecke Parallelen zu dieser Figur. In meinen performativen Vorträgen, habe ich mehrfach versucht, den intellektuellen Diskurs mit emotionalen Momenten des Gesangs in Verbindung zu bringen. Ein Höhepunkt unerwarteter Infiltration von Melodie und Gesang in den unemotionalen Diskurs der Wissenschaft war 2001 der Vortrag „Ethical Considerations in Prenatal Diagnosis“ beim Internationalen Symposium „Predictive Medicine“ der GlaxoSmithKline Stiftung im Kloster Seeon. Nach unverdächtigem Einstieg in den Vortrag mit Anknüpfung an die damalige Bundestagsdebatte über die gefrorenen Embryonen, setzte ich verschiedene Irritationen, bis ich schliesslich die Arie des Cold Genius aus King Arthur sang, bei dem der aus dem Eis Aufgeweckte darum bittet, wieder ins Eis zurückkehren zu dürfen. Eine hochemotionalisierte Angelegenheit inmitten eines traditionellerweise unemotionalen Kontextes. Ein Affront - aber auch eine Herausforderung:

Singen nicht am Abend nach der Wissenschaft sondern Singen im Denken, Denken im Singen - noch versuche ich herauszufinden, was das heisst - zur Zeit auf dem Weg über barocke Bibliotheken, in denen das Sinnliche nahe am Denken gedacht erscheint.