ariarium
on air
terrarium
aquarium
herbarium
bestiarium
Meine Domain heisst ariarium und ist umgeben von ähnlichen Begriffen. All die genannten Begriffe, endend auf -ium, umschreiben Techniken, die das Reich der Natur genau beobachtbar und dadurch in seiner Komplexität besser verstehbar machen wollen. In Analogie zu diesen Begriffen könnte man also das Ariarium verstehen als einen Ort, an dem die Luft in ihren vielfältigen Wechselwirkungen untersucht werden soll. Ein Forum für die Luft also, denn das schwer greifbare Element hat in Zeiten des Materialfetischismus wenig Fürsprecher. Bei Google und AltaVista wurde anfangs August 2002 kein Eintrag unter dem Begriff "ariarium" gemeldet. So öffne ich hier dem Luftigen eine Domain, auch wenn die Luft natürlich nie irgendwo wirklich zu Hause sein kann. Aber sie kann mal vorbeiwinden, durchziehen, unsere Gedanken und unsere Imaginationskraft in Bewegung versetzen:
 
als Bild der Leere, die doch nicht nichts ist,
als Frage nach dem verbindenden Zwischen,
als das Flüchtige, Ephemere schlechthin,
als mehr oder mindere Kompression und Dichte,
als das hereingenommene Aussen im Atem,
im Atem auch als entlassenes Inneres,
als Träger aller Klänge und Geräusche,
als Zone der Schwingungen und Vibrationen,
als Zärtlichkeit der säuselnden Winde,
als unfassbare Macht im Sturm,
als entweichende Seele im Sterben.
Also die Luft als das, was zwischen uns ist, was wir mit den Dingen dieser Welt teilen, bietet Stoff für viele Assoziationen und so beginne ich da, wo mir "ariarium" als Wort eingefallen ist: beim Singen von Arien. Vor einigen Jahren begann ich draussen zu singen - neben Autobahnen, an Bächen, in Unterführungen ... und irgendwann hatte ich dann das Gefühl, dass Orte bestimmte Gesänge geradezu provozierten. Die Melodien gehörten von da an zu den Orten wie die Architektur, die Tiere und die Pflanzen. So führte ich das Publikum spazierend an spezielle Orte und gab dort Situative Gesänge.

Im Ariarium sammle und ordne ich diese Gesänge. Ich beschreibe genau Fundort sowie Zeit und Anlass des Singens. Wenn ich im Ariarium blättere, erinnere ich mich an die Orte, an die Gesellschaften und an die Situationen des Singens.

Im Herbarium sammeln und ordnen wir Pflanzen. Wir beschreiben genau Fundort und -zeit der gepressten Pflanze. Wenn wir das Herbarium anschauen, erinnern wir uns an den Spaziergang, an die Exkursion, an die Situation des Findens.

Während das Herbarium wirkliche Pflanzen enthält, ist das Ariarium eigentlich nur ein Register - in diesem Sinne näher dem Bestiarium, das ja auch Geschichten über Tiere und Steine enthält und nicht materielle Relikte. Zwar hatte ich einmal im Sinne gehabt, meine Situativen Gesänge filmisch festzuhalten, aber inzwischen ist mir klar geworden, dass mich weniger die Sammlung von Filmsequenzen interessiert (die ja auch wieder nur Abdruck der Wirklichkeit und nicht materielles Relikt sein könnte), sondern vielmehr die an die Systematik der Herbarien erinnernde Vernetzung der Orte und Zeiten unter einer Pflanze / unter einem Lied. Also um den Gedanken, dass die gesungenen Lieder an einem Ort aufblühen, gleichsam sichtbar werden, weil sie zu ihm gehören, und dann wieder verschwinden. So wie bestimmte Pflanzen zu einem Ort gehören, oder an bestimmten Orten speziell gut gedeihen.

Im Ariarium - zunächst war das ein Skizzenbuch, später wurde daraus ein Computernetzwerckchen Computer Aided Memory - halte ich nun mehr oder weniger systematisch fest, wann ich wo welches Lied, welche Arie, welches Chanson gesungen habe. Denn diese Orte sind ja nicht irgendwelche neutralen Konzertsäle sondern nach dem Konzept der Situativen Gesänge ganz spezifische Stellen, die eine besondere Beziehung zum gesungenen Text haben. Meistens sind es Orte, die mir im Verlauf der Recherche bestimmte Melodien zuspielen, wie zum Beispiel der Platz vor dem Gasthof Zur Post in Wessobrunn, wo mir schlagartig Schuberts: Von der Strasse her ein Posthorn klingt ... einfiel; oder Orte, die mich zu einer gezielten Suche anregen, wie etwa die Steine, die an das Wessobrunner Gebet erinnern, über die ich in der Staatsbibliothek München die kanonische Motette von Leopold Katt fand: Mir gestand der Sterblichen Staunen als der Wunder grösstes...

Beim Materialsammeln zu einem Medizinerkongress im Kloster Seeon fand ich Hinweise auf im Kloster selbst hergestellte Schluckbildchen,das sind Kreuze mit Textfragmenten auf Papier gedruckt, die dem kranken Vieh zur Genesung unter das Fressen gemischt wurden. Ich dachte also an Krankheit, Medikamente und Gifte und in Verbindung mit den sumpfigen Böden um Seeon herum tauchte die Herbstzeitlose mit ihrem wirksamen Colchicin (Gichtbehandlung) auf. Richard Strauss hat auf den Text von Hermann von Gilm ein Lied Die Zeitlose Op.10 Nr.7komponiert, das ich dann für den Kongress einstudiert habe. Jahre später ging ich am Ufer eines kleinen Sees in Oberösterreich entlang und fand einen reichen Bestand an Herbstzeitlosen. Klar, dass dort das Lied wieder einfiel, gesungen und aufgenommen wurde. Unter dem Herbstzeitlosen-Lied vereinen sich also bis jetzt diese Landschaft und der von SmithKline Beecham veranstaltete Kongress sowie einige herrliche Blätter aus dem Herbar meines Vaters und ich bin sicher, dass das Lied sich noch weitere Orte des Aufscheinens finden wird.

Gerne berichte ich über meine stets wachsende Sammlung und lasse mich für etwa eine Stunde beim Blättern im Ariarium in die Erinnerungen und Melodien tragen, die ich mit einem kleinen Publikum teile.

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