Die Luft des Anderen atmen
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animulaGaddi8

Auf dem Bild links: "Der Tod des Edlen von Celano" von Taddeo Gaddi helfen zwei Engelchen einer kleinen Menschengestalt, die himmelwärts unterwegs ist. Sie heben heiter entzückt das Wesen empor, das aus dem zusammengebrochenen Edlen entwichen ist. Auf der linken Abbildung aus dem Stundenbuch "Grandes Heures de Rohan" streitet der Erzengel Gabriel heftig mit dem Teufel, der eine ähnliche kleine Menschengestalt aus der Luft über einer Leiche gekrallt hat.

 

Die Wesen, die aus den Mündern der Sterbenden kommen, sind Bilder für das Zurückgeben des Hauches an den Schöpfer, der Leben einhaucht. Dieser Hauch verbindet das Geheimnis des Anfangs aller atmenden Kreaturen und begleitet sie als mögliche Verbindung zum Anderen, von dem niemand so genau weiss, ob - und wie - und wo es überhaupt sein soll. Das ewige Rätsel, das Fragezeichen des Woher und Wohin.

Atmende lassen das Aussen einströmen, anverwandeln es und entlassen es, leicht verändert, wieder ins Aussen. Bei Nahrungsaufnahme, Verdauung und Ausscheidung geschieht Ähnliches - aber Essen und Trinken verändern radikaler das Hereingenom-mene, verschlingen und zerstören es. Der zugehörige Topos ist bekannt: etwas oder jemanden zum Fressen gern haben. Eine solcherweise versuchte Annäherung ans Andere kann aber nicht gut gehen. Das Fressen vernichtet das Objekt des Begehrens. Wenn es leben soll darf es in der Annäherung nicht zerstört werden. Wie Annäherung, Begegnung, Austausch ohne Zerstörung geht, zeigen die Pflanzen in ihrem Umgang mit Luft. Wunderbarerweise konkurrieren sie nicht mit uns um die Luft. Vielmehr geben sie uns etwas, was wir nicht haben, aber brauchen - und sie kriegen von uns etwas, das sie nicht haben, aber brauchen. Die Luft wird zum vermittelnden Zwischen, das Welt und Individuum verbindet, das Austausch ohne Zerstörung fördert und das lebenslanges gegenseitiges Berühren ermöglicht. Und natürlich fliegen Amors Pfeile durch die lauen Lüfte:

 

O del mio dolce ardor

Bramato oggetto

L'aura che tu respiri,

Alfin respiro.

 

Ovunque il guardo io giro,

Le tue vaghe sembianze

Amore in me dipinge:

Il mio pensier si finge

Le più liete speranze;

E nel desio che così

M'empie il petto

Cerco te, chiamo te, spero e sospiro.

 

O del mio dolce ardor

Bramato oggetto

L'aura che tu respiri,

Alfin respiro.

 

In der Arie von Christoph Willibald Gluck hofft Paris, er möge endlich die gleiche Luft atmen wie die heiss ersehnte Helena. Und heute? Das Herbeiwünschen der verbindenden Luft von den jetzt Liebestrunkenen ist bedrohlich geworden. Der Austausch der Aerosole kann tödlich sein. Die Liebe zugegebenermassen auch - aber dieser Tod wird in Kauf genommen als Entgleisung auf dem Weg zu Grösserem. Corona dagegen nistet sich diesseits der Lust der Atmenden ein und wird so zum anonymen Angriff auf eine der wichtigen Nahtstellen zwischen Menschen. Das Virus macht auf etwas aufmerksam, das in der seit einigen hundert Jahren visuell dominierten Sinneshierarchie vernachlässigt wurde. Geschult am leergeräumten Raum der zentraperspektivischen Tafelbilder zerfällt uns die Welt in Gegenstände und Leere. Aber man sollte nicht vergessen, dass

 

"... die Entfernungen zwischen den Gegenständen keine leeren Räume sind, sondern dass in ihnen die Materie in verschiedenen Intensitätsgraden fortbesteht..." (Umberto Boccioni 1914).

 

Die Luft ist nicht nichts. Allenfalls eine etwas geringere Intensität und Solidität des Raumes - keine Leere. Im Atmen sind Individuen mit allem anderen Geschöpf in einer permanent bewegten Beziehung:

 

"Eine Kunst des Atmens, "ars respirandi": Sich zum Dorf hinausatmen./ Sich zurückatmen in die Dorfmitte./ Wieder hinaus zu den Weidebächen mit dem Glimmerflimmern auf deren Grund./ Wieder zurück zum Dorfmittenkirschbaum und zum Kind dort, das mit sich allein Ball spielt gegen die Tennenwand./ Wieder hinausatmen zu den Fledermäusen am Dorfrand./ Zurückatmen zu …"

Peter Handke Tagebücher 2007-2015 Seite 270

 

Handkes Bilder für das Verbundensein mit der Welt sind wachsende Ringe des Atmens, die sich in zwei Richtungen ausdehnen: nach aussen und nach innen. Aber wie wächst ein Ring nach innen? Ein Ring hat doch ein Zentrum, das wir als Mittelpunkt denken und wie soll sich denn ein Punkt nach innen ausdehnen können? Denkt man nicht geometrisch-optisch sondern als Atmender, als Sänger, dann funktioniert das Gefühl, dass man nach innen und aussen gleichzeitig wachsen kann. Die Arbeit des Einsingens erspürt immer wieder neu das sich vertiefende Zentrum der Atmung in Einklang mit dem wachsenden Öffnen des Leibes und zwar über seine physische Seite hinausgehend. Man versucht singender Weise gleichsam das innigste Innen mit dem fernsten Fernen durch Schwingung in Beziehung zu bringen und diese Verbindung aufrecht zu erhalten. Singende sind Klangkörper die von innen und aussen gespielt werden.

 

"Jene Atemsäule, bei angehaltenem Atem, stillbebend in mir: Säule des, meines, Anderen."

Peter Handke Tagebücher 2007-2015 Seite 230

 

Diese Formulierung entzückt mich als Sänger immer wieder, weil sie in ganz wenigen Worten die entscheidenden Momente festhält. Es gibt so etwas wie eine Atemsäule. Die kann man spüren und zwar am besten, wenn man ganz ruhig dasteht und kaum atmet: stillbebend. Dabei erfährt man das Andere in sich. Und weil diese Säule in einem ist, ist sie zugleich auch Teil von einem selber. Näher kann man nicht an die Welt heran kommen, es sei denn man nimmt in Kauf, sie zu verschlingen oder selbst verschlungen zu werden.

 

Das innehaltende Atmen als Bild für die Verbindung von Individuum und Welt hat auch ein anderer Dichter gestaltet und zwar im Kontext der Entstehung eines Werkes. Er beschreibt, wie man sich in der Stille, wenn man sie als Gesang erlebt, öffnen kann und sich so dem widmen kann, was entstehen will und das etwas anderes ist, als man selbst. "Vor dem Werk den Keim spüren. Bei seinen ersten Bewegungen die Atmung anhalten bis zum Ersticken, bis zur Angst, bis zur Extase." Der Text aus dem diese Gedanken stammen heisst Maieutik - Geburtshilfe. Hier das französische Original:

 

„Dans le silence, enfin perçu comme un Chant, s‘offrir, se dédier à cela, différent de soi, qui veut naître. Avant l‘oeuvre, sentir le Germe. Suspendre la respiration jusqu‘à l‘étouffement et l‘angoisse et l‘extase - aux premiers mouvements qu‘il a.“

Victor Segalen

Maieutique Manuscrit 1917

 

Victor Segalen hat neben einem Drama und drei Romanen auch Gedichtbände veröffentlicht unter denen mir besonders „Stèles“ (Stelen) ans Herz gewachsen ist. Stelen sind schlichte Monumente aus einem einzigen Stein mit einer Inschrift. Sie sind verwandt mit Singenden. Beide können irgendwo stehen. Beide wollen Texte im Hier und Jetzt anwesend sein lassen - einmal als Schrift auf Stein gemeisselt, dann aus dem Fleisch in den Atem hinein skulpturiert und in die Lüfte entlassen. Beide fokussieren Passanten auf die gegenwärtige Situation, auf den Moment des Lesens oder Hörens an einem bestimmten Ort. Sie schaffen Anwesenheit, Nähe, ein verbindendes Jetzt.

 

Walter Siegfried, Juni 2020

 

 

 

 

 

 

 

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