SingingSculpture
"Wenn dein Glanz herniederfällt..."

Situative Gesänge im Abendlicht
Herrmannsdorf 13. Juni 2002
 

Situative Gesänge

Die erste Aktion zu dieser Werkgruppe war ein Auftrag für die Lauterbacher Mühle, einem Rehabilitationszentrum inmitten eines wunderbaren Naturschutzgebietes am Grossen Ostersee im Süden von München. Als ich das Gelände zum ersten Mal beging keimte bald der Wunsch auf, Schubert in diese Landschaft hineinzusingen. Ich wählte mehrere Stationen aus und überlegte mir genaue Bild-Ausschnitte, die das Publikum während eines Liedes jeweils sehen sollte. Da das Publikum sich meist im Halbkreis um den Sänger herum formiert, kann man die Blickrichtung und damit das Bild zum Lied recht gut definieren. Am Ostersee war das etwa ein vermooster Brunnen, ein Bächlein, der weite Blick auf den See, das enge Umstelltsein von Bäumen, das Mühlenrad, ein Rosenbusch oder das verlorene Stehen auf weiter Wiese. Zu diesen Bildern hatte ich Lieder ausgewählt, die den Blick einerseits in die Landschaft hinausbegleiteten dann aber auch immer wieder zu den Hörenden selbst zurückführten. Die Begleitungen für die ausgewählten Lieder hatte ich zusammen mit meinen Pianisten vorproduziert und dann auf einem Cassettenplayer in der Abfolge der Stationen angeordnet. Der Player war mit  zwei kleinen Aktivboxen verbunden, die in einem speziell für diese Aktion konstruierten Trichter aus festem Karton eingebaut waren. Mit dieser leichten Konstruktion war ich sehr frei und konnte meinen Live Gesang zusammen mit der Begleitung aus dem Trichter in die Landschaft giessen. Die Aktion gefiel; sie wurde mehrmals wiederholt und ich begann das Prinzip auch auf andere Orte anzuwenden. Zunächst vor allem auf Wessobrunn, wo Kloster, Gasthof zur Post und das Umfeld spannende Veduten anbieten und wo die reiche Geschichte auch viele musikalische Assoziationen eröffnet. Durch den Wechsel von Innen- und Aussenräumen wurde hier auch zum ersten Mal der Hall der verschiedenen Räume ganz klar thematisierbar. Die eine immer gleiche Stimme erklang je nach Baumaterialien und Grösse der Räume immer wieder anders. Auch gehörten zu diesen Räumen oft eindeutige Geräusche, die nun in die Gesamtwirkung integriert werden konnten: Etwa die um den Erinnerungsstein an das Wessobrunner Gebet kreisenden Auto- und Motorradbrummer, die sich kommentierend unter die Textstelle "... nichts da war, nichts, nichts ..." legten. Am Grossen Ostersee wollte ich einfach Schubert singen. In Wessobrunn begann ich zu fragen, welche Melodien mir der Ort zuspielt und das blieb dann auch die zentrale Frage für die weiteren Orte: Zug und Glarus in der Schweiz, Rotis im Allgäu, Strobl am Wolfgangsee, Meran im Südtirol, Ibm bei Salzburg und jetzt Herrmannsdorf.

Kontext

Seit 1995 arbeite ich am Projekt "Situative Gesänge". Es handelt sich dabei um eine Fortschreibung der in den "Stadttanz"-Aktivitäten entwickelten Grundideen: Die Aufmerksamkeit des Publikums soll für eine bestimmte Zeitspanne auf einen ausgewählten Ausschnitt der Alltagswelt gelenkt werden. Je unspektakulärer die mehr oder weniger kurzfristige Zuwendung zu den Dingen provoziert werden kann, umso gelungener erscheint mir die Arbeit. Es gilt, die Aufmerksamkeit zu erregen und zu binden, sie auf ein Feld zu lenken ohne sie zu zwingen.

Durch verschiedene ästhetische Mittel habe ich versucht, die Wahrnehmung  zu intensivieren. Diese Mittel habe ich in verstreut veröffentlichten Texten genauer umschrieben.

Im "Stadttanz" waren es die synchronisierten und koordinierten Bewegungen mehrerer Akteure:

Dance, the Fugitive Form of Art. Aesthetics as Behavior
in: Rentschler, Ingo (editor): Beauty and the Brain. Birkhäuser; Basel, Boston, Berlin, 1988
Der Stadt den Tanz ansagen in: ­duÎ, die Zeitschrift für Kunst und Kultur, Zürich, 5/1988
STADTTANZ - Übungen zur Ganzheit. in: Poiesis, Nr.4, Oldenburg 1988
Situative Bilder. Wenn Wahrnehmungen Form werden. in: Der soziale Klang der Geste. Theoretische und praktische Dimensionen menschlicher Körpererfahrung in Kunst und Alltag. Internationales Symposium (Hebbel Theater/ tanz-AKTUELL) Berlin, 1990

Bei den "Kompositionen für Spaziergänge" waren es akustische Schichtungen:

Sound Tracks to Reality. in: POIESIS, Zeitschrift des Instituts für praktische Anthropologie 7/1992: 63-66. Hude 1992 oder: Ortstermin. in: Zacharias, W. (Hrsg.) INTERAKTIV. Essen 1996
oder: "As if one was walking inside a film..."

Bei den "Situativen Gesängen" ist es die Musik.

Es geht dabei nicht um den Tanz, um die akustischen Schichten oder um den Gesang als solche, diese führen nur die Blickrichtung und verstärken die Zuwendung zum Umspielten. Immer sind es 'Zeitkünste', zeitlich begrenzte Aktionen, die in den Raum getragen werden. Dies spiegelt den Willen, das Besetzen eines bestimmten Ortes mit Aufmerksamkeit nur kurzfristig und möglichst spurlos zu provozieren. Die Wahrnehmung soll auf das für die Aktion ausgewählte Vorhandene fokussiert werden, und zwar ohne Unterschied, ob es sich dabei um Steine, Tiere, Pflanzen oder um zivilisatorische und kulturelle Produkte handelt. Wahrnehmung wird zur gewonnenen Zeit, zum Innehalten beim Wahrgenommenen. Sie provoziert vielfach umkreisende Annäherung ans Vorhandene, ist Hin und Her zwischen innen und aussen: Wahrnehmen als erkennendes Bewegtwerden und Bewegen. An der Kunst wird diese Haltung immer wieder eingeübt - dem Leben droht sie zu entgleiten.

Vorstellung und Wirklichkeit

Wie lässt sich dieses spezifische Hinhören, Hinblicken auf die Welt, das sich besonders in der Begegnung mit dem Kult- und Kunstwerk herausgebildet hat, noch weiter charakterisieren? Anstelle der erledigenden Wahrnehmung, die sich nur für das Zuordnen der Phänomene interessiert, um möglichst kontinuierlich weiterhandeln zu können, tritt hier eine innehaltende Beschäftigung mit den auftauchenden Phänomenen. Das Wahrgenommene tritt mit dem Reservoir des wahrnehmenden Subjektes in eine intensive Beziehung. Der Blick fixiert dabei nicht einfach nur länger das vor ihm Liegende, vielmehr beginnt ein Spiel von Wahrgenommenem und Erinnertem. Wahrnehmungen lösen jetzt Vorstellungen aus, die wiederum die Wahrnehmung antreiben, schärfen, verfeinern, um so die Vorstellungen und Erinnerungen zu präzisieren, neu zu befragen. Elemente der Wirklichkeit treffen über die Wahrnehmung mit den Vorstellungen des Subjekts zusammen und so bleiben beide miteinander im Wechselspiel. "Ästhetische Verhaltensweise ist die Fähigkeit mehr an den Dingen wahrzunehmen, als sie sind; der Blick, unter dem, was ist, in Bild sich verwandelt." sagt Adorno in seinem Exkurs über den Ursprung der Kunst. (Theodor, W. Adorno: Theorien über den Ursprung der Kunst. in: Aesthetische Theorie. Frankfurt 1970, 488) Die Vorstellungskraft erledigt nicht mit einem "Ich habe erkannt!" was vor ihr liegt, sondern bleibt bei diesem, hebt es aus dem Umfeld heraus und "ergreift es, folgt ihm und ziseliert, wie bei einem Relief, seine Umrisse und macht es dadurch dem Bewusstsein präsent." (Eugène Minkowski: Vers une Cosmologie. Aubier Paris 1967 90) Erst wenn das Spiel erschöpft ist, sucht das Subjekt andere Phänomene oder es wird durch neue Impulse aus der Wirklichkeit in weitere Vorstellungsbereiche verführt.

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