Wahrnehmungsirritationen
als Impulse für die Aufmerksamkeit

integrale Fassung in: Flamboyant. Schriften zum Theater. Heft Nr.9 Köln 1999
Dr. Walter Siegfried


Lassen sie mich zunächst etwas Allgemeines zur Wahrnehmung sagen; dann die Funktion der Irritation in diesem Gefüge klären, um schliesslich das Irritieren der Wahrnehmung an einigen Beispielen aus dem Bereich der Kunst veranschaulichen.

Viktor von Weizsäcker, der gelehrte Arzt und Professor der Neurologie, hat seinem Buch Der Gestaltkreis(1939 erste Ausgabe Thieme Heidelberg), in dem er eine grundlegende Analyse der Wahrnehmung vorlegte, den Untertitel  Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegengegeben. Der Untertitel nennt die Hauptthese: Sensorik und Motorik sind nicht länger als getrennte Bereiche zu denken sondern als Einheit (vs. Schule eg.Dualität). Man muss also, wenn man von Wahrnehmung redet immer auch von Bewegung sprechen. Das wird anschaulich in Weizsäckers Beispiel von einem, der einen Schmetterling beobachtet:
 

Man darf annehmen, daß zunächst sein Bild (scil. Schmetterling)   über ein Stückchen Netzhaut gleitet. Es folgt eine Blickbewegung in der Flugrichtung des Tieres, der bei dessen eigentümlicher Flugweise bald Kopfbewegungen, Rumpfbewegungen und Gangbewegungen folgen. Der Erfolg dieses vielseitigen Einsatzes der Muskulatur ist immer derselbe: sie ermöglichen eine möglichst kontinuierliche Abbildung des Tieres auf der zentralen Netzhautpartie... Diese Überlegungen zeigen, daß im optischen Verhalten es immer einen Teil der Sehwelt gibt, dessen Kohärenz erhalten, einen anderen, dessen Kohärenz geopfert wird. (33/34)
Mit Kohärenz meint Weizsäcker die spezifische Verbundenheit des Organismus mit der Welt und zwar über die Sinne. Er spricht auch davon, daß wir mit der Umwelt in gewisser Weise verklebt seien, dass der Körper, bzw. seine Organe, mit bestimmten Stücken der Umwelt in Kontakt bleibe, bis die Verbindung durch eine übermächtige Störung zerrissen würde.

Diese dynamische Auffassung von Wahrnehmung ist uns durch die effektiven statischen Modelle der Zentralperspektive etwas abhanden gekommen. Das Konstruktionsschema von Dürer ist also gleichsam das Gegenmodell zu einer tänzerischen Auffassung von Wahrnehmung, bei der die hier stabilisierte Achse ganz dynamisch und den Kontaktpunkt im Aussenraum wechselnd zu denken sind. So gleiten wir durch einen dicht gewordenen Raum, mit dem wir uns an bestimmten Stellen stützend kurz verkleben, um sogleich die Verbindung wieder zu kappen und an anderer Stelle anzudocken. Und so weiter. Soviel zur lebendigen, handlungsorientierten Einheit von Wahrnehmung und Bewegung.

Die ästhetische Wahrnehmung - ein etwas kurioser Begriff, denn aisthesis heisst ja auch schon Wahrnehmung - ist nun aber noch etwas anderes.

In den Gesprächen rund um OFF LIMITS II (vor kurzem in Dortmund) tauchte mehrmals eine Denkfigur auf: Die Theaterleute haben es gut, da muss das Publikum zuschauen, bei den Vernissagen schaut keiner wirklich auf das Vorgestellte. Die Maler müssen darum kämpfen, überhaupt wahrgenommen zu werden, während im Theater durch Konvention gebundene Aufmerksamkeit vorgegeben ist.

In der Tat ist es ja nicht selbstverständlich, eine halbe Stunde vor einem Bild zu stehen. Wie kommt es, dass ein Organismus sich ausrichtet und dann diese Ausgerichtetheit auch über eine längere Zeitspanne aufrecht erhält?

Im Rahmen einer Forschungsarbeit - am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen  - über biologische Grundlagen einfacher Tanzspiele hatte ich mich längere Zeit mit Tierverhalten beschäftigt. Dabei hatte sich eine parallele Fragestellung ergeben. Beim schnellen Durchspulen vieler Filme ist mir aufgefallen, wie da jedes Tier so vor sich herumwuzelt und wenig Kontakt mit den anderen hat. Manchmal gab es  dann da aber ganz intensive Momente der Koppelung, wo die Partner über eine kurze Zeit ganz offensichtlich engst verbunden waren. Wie kam diese Bindung zustande? Wie holten sich die Tiere die Aufmerksamkeit eines Partners und versammelten sie über längere Zeit auf sich?

DIA ein: DIOMEDEA IRRORATA

Prägnante Signale, in wiederholenden Rhythmen packen hier die Aufmerksamkeit des Partners und halten sie. Man spricht in der Ethologie von ritualisierten Bewegungen (Huxley 1914), oder Formalisationen, (Selous). Die Kohärenz, das Zusammenbleiben wird durch die wiederholten Signale verlängert. Und genau diese Kohärenz ist mir nun auch bei einfachen Tanzspielen von Kindern aufgefallen:

DIA KINDERTAENZE  dann DIA aus.

In solchem Tanzen geht die Alltags- Handlungsbewegung nicht weiter, man tritt vielmehr auf der Stelle, und perfektioniert im Repetieren die Koordination von Wahrnehmung und Bewegung. In diesem repetitiven Geschehen bleibt die Wahrnehmung gleichsam hängen. Die Wahrnehmung kommt zu sich selbst. Zwar wird die Kohärenz auch hier immer wieder zerrissen aber die Aufmerksamkeit geht nicht weiter zum nächsten Reiz sondern kehrt zur alten Situation zurück. Die Wahrnehmung geht in Schleife und löst den Gegenstand, ihn umkreisend, aus dem Kontext heraus. Die Wahrnehmung wird nicht in Handlung kurzgeschlossen sondern schafft sich Zeit; Zeit das Gegenüber enstehen zu lassen.
 

 Dans lŽattention, je mŽarrête à un objet ou à une idée ... Je mŽarrête à quelque chose et en mŽy arrêtant, je le surélève au-dessus de se qui lŽentoure et lŽenrobe, je le saisis, je suis et cisèle comme en relief, ses contours et le rends ainsi plus présent à la conscience ... et en mŽy arrêtant je lŽisole comme dŽune masse uniforme dont il fait partie.
 
Das Herausheben eines Gegenstandes aus seinem Kontext ist auch ein wesentliches Element des «objet trouvéŽ. Aus dem Gebrauchszusammenhang herausgehoben entsteht Zeit, den Gegenstand wahrzunehmen und zwar jetzt nicht mehr im Sinne der Verfügbarkeit, sondern in isolierender Distanz.
 Aesthetische Verhaltensweise ist die Fähigkeit, mehr an den Dingen wahrzunehmen, als sie sind; der Blick, unter dem, was ist, in Bild sich verwandelt.
Adorno
Damit wäre die ästhetische Wahrnehmung charakterisiert als diese umkreisende, isolierende, dem Denken Einlass gewährende Wahrnehmung, die die Handlungsbewegung irritiert, die sich zwischen Reiz und Reaktion einschleicht.

Lassen Sie mich jetzt an einigen Beispielen Irritationen der Wahrnehmung aufweisen:

  FOLIEN TOPOGRAFIE DER GERAEUSCHE
  DIA SOUND TRACKS
  TON EIN ca. 5 Minuten

weitergehen - manchmal sag ich auch ein paar Worte dazu (Sprechgesang):
 

Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen
Wessobrunn (Singsang), dann in die Stadt andere Künstler:

Der Dortmunder Kunstverein hat 1994 CHRISTIAN HASUCHA eingeladen, der bei seiner öffentlichen Intervention Wegevom Publikum vorgeschlagene Strecken (20 Schritte) markiert hat. Hasucha hat 1989 ein Thesenpapier Öffentliche Interventionen, Stadt-Implantate, Attributive Plastikveröffentlicht, in dem umschrieben wird, wie durch solche Setzungen und Aktionen konstruktives Befremdenbei Passanten und Anwohnern ausgelöst wird. Einmal mehr sind die Aktionen eng mit Sprachschöpfungen gekoppelt.

aus dem Interview Translokation18:
 

Mich interessiert also, die Sprache des Vorhandenen zu aktivieren und sie mittels Manipulation und Implantation zu modulieren.
aus den Thesen zur Projektreihe
OEFFENTLICHE INTERVENTIONEN 1989:
Werden profane Objekte in einer kunstbetriebsfernen Umgebung, etwa im Strassenbereich einer Grossstadt ungewöhnlich placiert, so evozieren sie den Abbildcharakter nicht mehr und können stattdessen auf  Strukturzusammenhänge ihres Umfeldes verweisen.
 
... erst, wenn die Erscheinungsformen des Kunstobjektes mit denen des Umfeldes in Beziehung treten, etwa durch Erweiterung bereits existierender Zusammenstellungen oder durch Akzentuierung des Vorhandenen, wird der Dialog zur Umgebung erkennbar, wird die Art der Placierung transparent.
 
Innerhalb eines überschaubaren Gebietes sollte auch hier die Häufung verschiedener Ereignisse vermieden werden. Soweit nicht konzeptionell begründet, sollten keine repräsentativen Plätze oder Boulevards bearbeitet werden, um Affinitäten zu zirzensischen oder touristischen Attraktionen zu unterbinden.
 
Je stärker ein solches Ereignis / eine solche Placierung sich aus einer alltäglichen Situation heraus entwickelt und ihr zugehörig erscheint, desto intensiver wirken die intervenierenden Momente.
 
NORBERT RADERMACHERs Plastiken und Skulpturen stehen in Marseille, Hamburg, Köln, Paris, Berlin - allerdings nicht in den Museen und Galerien, sondern an ganz unerwarteten Stellen im städtischen Raum. Oft bemerkt man sie zunächst gar nicht. Dann aber, wenn man sie entdeckt hat - vielleicht hat einem ein Kind darauf aufmerksam gemacht, prägen sie sich sehr deutlich ein. Und zwar eben nicht als einzelnes Objekt, sondern als ein Ensemble von Vorgefundenem und Hineingesetztem. Ein kleiner Betonkuchen am Strassenrand macht schlagartig den Irrsinn einer städtischen Betonkonstruktion deutlich. Das funktioniert natürlich nur, wenn diese Objekte mit chirurgischer Präzision ins Stadtbild implantiert werden; sonst versinken sie in den allgemeinen Überwucherungen.

 DIA KABELSEELE
 Stuttgarter Version
 TON 1 ca. 10 Minuten

bei Aprile unterbrechen
Fleisch-falsch-Bilder

Ja hier wollte ich hin - zu den Kameras, weitere Freunde aus dem Bereich des Kabelwesens. Auch mit ihnen kann irritierend gearbeitet werden.

FOLIE STEVE

STEVE MANN, ein Künstler aus Cambridge, hat ein anderes Phänomen der verkabelten Welt thematisiert. In Shooting Back hat er sich den Überwachungskameras zugewendet. Er hat dabei mit einer kleinen Kamera Situationen, in denen er überwacht wurde, seinerseits aufgenommen und sofort ins Netz geschickt, gleichsam als Gegenperspektive.

Als letztes Beispiel noch eine Arbeit von PENELOPE WEHRLI, in der sie die durch Kabel und Satelliten nah und öffentlich gewordenen Ferne thematisiert. In der Ausstellung zum Westfälischen Frieden hat sie das Kriegsverbrechertribunal des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag telefonisch in die Stadtbibliothek Osnabrück geschaltet. Dort wurde es von fünf Dolmetschern auf deutsch übersetzt und auf den Marktplatz übertragen. Da jeder Dolmetscher seine eigene Wortwahl und seinen Rhythmus hatt,  entstand ein polyphones Stimmengewirr, aus dem der Passant, wenn er sich den Lautsprechern zuwendete, dann klare Textinformation hören konnte. Dabei werden die uns oft bewegenden Fragen, wie man mit all dem Wissen über die Probleme der geschrumpften Welt umgehen soll, bedrängend nah. Man schlendert zum Einkauf über den Markt und dann schleicht sich unvermittelt über Lautsprecher die Präsenz der Den Haager Gerichtsbarkeit ein.

Die Frage, wieviel Nähe man mit der fernen Welt eingahen kann  steht auch im Zentrum meiner mehrtägigen Aktion tagesschau

VIDEO tagesschau
TEXT BRAHMS zitieren: "Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh ... "
 

Dr. Walter Siegfried
Fäustlestrasse 8
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e-mail: siegfried@ariarium.de